2016 – Et kütt wie et kütt

Jahresrückblick. Ja, ich weiß: macht irgendwie jeder. Das ist auch ganz untypisch für mich, denn ich blicke generell lieber nach vorne als zurück. Und eigentlich teile ich das nicht so öffentlich. Aber es ist mir dennoch ein Bedürfnis. Vielleicht weil ich kürzlich ein neues Lebensjahrzehnt angetreten habe und generell ein bisschen auf die letzten Jahre zurückblicke. Oder eben auch deshalb, weil 2016 ein so unfassbar anstrengender Ritt war, der mir zum Ende des Jahres körperlich und auch seelisch alles abverlangt.

Wer mich persönlich kennt, der weiß, dass ich schon viele Dinge gestemmt habe. Dinge, die niemand jemals erleben oder durchmachen sollte. Ich habe das alles erlebt und durchgestanden. Ich bin immer wieder aus dem größten Sumpf aufgetaucht, oft mit Schmerzen und bleibenden Wunden. Ich habe (und tue es immer noch) immer daran geglaubt, dass alles irgendwann besser und vielleicht sogar gut wird. Aber es wird anstrengender. Vielleicht liegt das am Alter, am bislang Erlebten oder an was auch immer. Der Blick geht schneller zurück als nach vorne. Das ist neu für mich. Zurück hat immer einiges Negatives gezeigt, nach vorne konnte ich immer voller Neugier und mit ein bisschen Zuversicht sehen. Das wird zunehmend schwerer, alles ist unvorhersehbarer geworden, weniger berechenbar und ich so unsicher in allem, so dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Ich komme gut mit Chaos klar, aber im Grunde meines Herzens sollte ein bisschen Struktur auch nie fehlen. Sicherheit,  ein doppelter Boden oder ein Netz wird immer wichtiger für mich. Etwas wagen, aber möglichst wenig riskieren, weil es könnte ja wehtun. Wenn schon fallen, dann weich fallen. Ist aber naiv, denn wenn man fällt, fällt man selten weich. Wenn man Gefühle, Gedanken, Verantwortung und Rücksicht komplett außer acht lässt und von selbst springt, kann man Dinge vielleicht besser steuern. Was aber auch manchmal Blödsinn ist. Denn die Gefahr, dass man etwas Gutes verpasst, ist immer da.
Gefühle außer acht lassen, das ist etwas, was mir in diesem Leben nie mehr gelingen wird. Ich habe (und werde) immer jede Entscheidung aus dem Herzen heraus treffen. Manchmal voller Unvernunft und ohne zu überlegen. Jeder Kopfmensch würde selbigen heftig schütteln, aber ich habe keine meiner Entscheidungen bereut. Niemals. Denn auch wenn mein Herz mich erst einmal durch die Hölle gehen lässt, am Ende ist es mit meinem Kopf wieder im Einklang.

Dieses Jahr hat mein Herz entschieden, dass es nicht mehr für mein altes Leben schlagen kann und will. Dieser Schritt hat unfassbar wehgetan und ich habe lange gebraucht, um meinem Kopf klarzumachen, dass das schon so in Ordnung ist. Alte Gedanken haben mich lange beschäftigt, neue konnten nicht eingeordnet werden. Wenn alles einmal komplett auf links gedreht wird, dann ist es schwer, eine Stelle zu finden, an der man sich festhalten kann. Alles dreht sich immer schneller, man selbst kommt kaum hinterher und irgendwann prallt man irgendwo auf und hat keine Ahnung, wie man sich wieder neu sortieren soll. Aber es gibt Menschen, die einem helfen, die machen, dass man in allen Umdrehungen immer sehen kann, dass sie da sind und alles dafür tun, dass es sich wieder langsamer dreht. Bis es aufhört. Ich habe in diesem Jahr einen für mich lange sehr wichtigen Teil des Lebens aufgegeben. Aber ich habe Menschen gefunden, mit denen ich durch Dick und Dünn gegangen bin, sehr viel gelacht und geweint habe, Abende voller toller Gespräche und Erkenntnisse hatte und die wilde Partys mit mir gefeiert haben, wenn ich einfach nicht mehr nachdenken wollte (und von denen ich mich tagelang erholen musste). Die immer da waren, alles haben stehen und liegen lassen, wenn es sich wieder gedreht hat und ich ins Schwanken kam. Alle haben mich durch Art, Wesen und Denken beeindruckt und geschafft, dass ich mich unglaublich wohl fühle, wenn wir zusammen sind. Nichts und niemanden möchte ich jemals wieder missen.

Ich habe neue Orte erkundet. Nach vielen Jahren richtig allein. Und ich habe entdeckt, dass das gar nicht schlimm ist. Im Gegenteil. Es hilft mir, zu mir selbst zu finden. (Genau diese esoterisch anmutenden Sätze erwartet man doch jetzt mit 40 von mir, oder?)

Dennoch bin ich froh, wenn dieses Jahr zu Ende ist. Ich versuche, voller Zuversicht auf das neue Jahr blicken. Ich möchte und werde wieder etwas wagen, Gefühle zulassen, investieren und schauen, wohin es mich trägt. Und darauf hoffen, dass es gut geht.

Denn ich bereue nichts. Niemals. Weil: et hätt noch immer jot jejange.

brighton
(Foto: Katrin Sure)

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